23. November 2006, Universität Düsseldorf

Gemeinschaft - eine ideologische Konstruktion?

Zu erst einmal möchte ich mich herzlich für die Einladung nach Düsseldorf bedanken - und die Gelegenheit, meine Überlegungen zum Thema Gemeinschaft zur Diskussion zu stellen. Ich werde dabei in folgenden Schritten vorgehen:

Erstens: Einige semiotische Reflektionen zum Begriff der Gemeinschaft anstellen Zweitens: Auf die Konjunktur des Begriffs eingehen Drittens: Beispielhaft die Produktion von Gemeinschaften aufzeigen.

Wenn man einer Gemeinschaft angehört, so fällt dabei zuerst einmal der konstitutive Aspekt auf. Gemein sein, etwas mit anderen gemein haben. Was sich in Zeichen der Zugehörigkeit ausdrücken kann - seien dies geteilte Mode-Zeichen, Ideolekte, Ideologeme, Musik-Stile oder auch nur Lebenshaltungen - macht ein Subjekt aus, zumindest einen wesentlichen Teil dessen. Wenn man von Gemeinschaft spricht, zielt man auf etwas anderes als auf eine nur formale Zugehörigkeit, geknüpft wird ein anderes, tieferes Band. So formuliert der Historiker Leopold Ranke in seinen “Politischen Gesprächen”, das “innerliche Zusammenhalten” sei besser als “alle Form des Vertrages”. Und weiter: “Was von Natur zusammengehört, braucht dessen nicht. Zwischen Eltern und Kindern, zwischen Brüdern und den Gliedern der Familie ist keine Konfarreation vonnöten.“ (Leopold von Ranke , Politisches Gespräch (1836), München/Leipzig 1924, 49) Wir müssen allerdings schon hier - und entgegen der romantischen Philosophie - die realistische Möglichkeit ins Auge fassen, dass wir nicht nur Teil einer einzigen Gemeinschaft sein können, wie hier etwa die Familie und ihrer Glieder. Gemeinschaft, in einem semiotischen Sinne, tritt im Plural auf, immer in Form von Gemeinschaften, die - so mag es von Seiten des Individuums aussehen - auf dem Markt der kollektiven Identitäten zur Wahl stehen.

Eine Gemeinschaft erschöpft sich nun aber nicht in diesem konstitutiven Aspekt. Hier hat dann schon die Analogie zum Markt oder zum Supermarkt, wo es verschiedene Gemeinschaften im Gemeinschafts-Regal im Angebot gibt, ihr Ende. Denn das Teil-sein geht mit einem teil-haben einher. Ich HABE Teil an einer Gemeinschaft, ich besitze einen Teil davon, auch wenn es so scheinen mag, dass man mitunter ganz in dieser Communität aufgeht, seine Grenzen verliert, sich in einer Gemeinschaft verliert. Sich in einer Gemeinschaft zu verlieren, kann nämlich eine äußerst radikale Form des Besitzens, vielleicht besser, des Genießens sein, weil hier zuvorderst Immaterielles besessen und verinnerlicht wird. Ich werde ihr Teil, weil ich dazu Lust habe, und weil ich dabei ‘etwas’ bekomme. Was dieses ‘etwas’ ist, das lässt sich je nach Gesellschaftstheorie verschieden bestimmen. Anerkennungstheoretiker in der Nachfolge des Hegelianismus würden etwa folgendes sagen: Zentral ist die Anerkennung als Subjekt, als zugleich Einzigartiger und Unterworfener - und damit den subjektkonstitutiven Anteil des Gemein-seins hervorheben. Ein Utilitarist würde den Nutzen für das Individuum suchen, und dabei möglicherweise den Schutz, den eine Gemeinschaft bietet oder nur die geteilte Zeit finden, damit die Langeweile nicht immer wieder von uns Besitz ergreift. Jedenfalls haben wir auch Gemeinschaft, wir sind sie nicht nur.

Auffallend ist weiterhin, dass den geteilten Zeichen- oder Symbolsystemen, die eine Gemeinschaft aus semiotischer Perspektive kennzeichnen, ein Überschuss eigen ist. Charakteristisch für eine Gemeinschaft ist, dass sich ihre Teile mit dem-selben identifizieren. Grundlegend ist nicht eine Art wechselseitiges Vertragsverhältnis, das man kündigen oder verlängern kann, sondern grundlegend ist eine Identifikation, die man nicht kündigt, sondern von der man sich ent-identifizieren muss. Hier mache ich wiederum Anleihen bei der deutschen romantischen Philosophie. Doch sollten wir dabei nicht aus den Augen verlieren, dass diese sich auf ”das Volk“ als die wesentliche Gemeinschaft bezogen hatte. Lassen wir wiederum einen Staatsphilosophen zu Wort kommen, Friedrich Carl von Savigny: „Fragen wir ferner nach dem Subject, in welchem und für welches das positive Recht sein Daseyn hat, so finden wir als solches das Volk. In dem gemeinsamen Bewußtseyn des Volkes lebt das positive Recht, und wir haben es daher auch Volksrecht zu nennen. Es ist dieses aber keinesweges so zu denken, als ob es die einzelnen Glieder des Volkes wären, durch deren Willkühr das Recht hervorgebracht würde; denn diese Willkühr der Einzelnen könnte vielleicht zufällig dasselbe Recht, vielleicht aber, und wahrscheinlicher, ein sehr mannichfaltiges erwählen. Vielmehr ist es der in allen Einzelnen gemeinschaftlich lebende und wirkende Volksgeist, der das positive Recht erzeugt, das also für das Bewußtseyn jedes Einzelnen, nicht zufällig sondern nothwendig, ein und dasselbe Recht ist.”, (Friedrich Carl von Savigny, System des heutigen Römischen Rechts. Erster Band, Berlin 1840, 14)

Ich wiederhole den uns hier interessierenden Gedanken - es ist der “in allen Einzelnen gemeinschaftlich lebende und wirkende Volksgeist”! Für die hier zu entwickelnde semiotische Analyse bedeutet dies, dass mit Gemeinschaft ein Moment der Identifikation mit dem Ganzen einher geht. Nolens volens. Dieser Aspekt von Gemeinschaft ist irritierend, nicht nur durch das von mir gewählte Zitat, da hier von “Volksgeist” die Rede ist - und weil die weiteren Verwendungen des Ausdrucks sofort resonieren, die schließlich zum NS-Volksgeist geführt haben. Doch geht es mir in diesem Teil meiner Präsentation zuerst einmal darum, die Elemente des Begriffs zusammen zu tragen. Keinesfalls möchte ich missverstanden werden. Ich plädiere hier nicht für einen neuen Volksgeist, haben Sie bitte etwas Geduld.

Schließlich fällt auf, dass man an einer Gemeinschaft teil-nimmt. Es ist nicht eine passive Zugehörigkeit, sondern wir haben immer die Möglichkeit, aktiv zu werden, wenn wir Teil einer Gemeinschaft sind. Vielleicht können wir hier noch einen Schritt weiter gehen und sagen, es gibt einen “inneren Aufruf” zur Aktivität. Dieser “innere Aufruf” zeigt sich oftmals in Form eines sogenannten Commitments, also einer Verbindlich-Machung, die changiert zwischen einem inneren Zwang, etwas zu tun, und einem sozialen Druck, der einer Gemeinschaft - im Unterschied hier zu einer loseren Verkettungsform - kennzeichnend ist. “Ich will etwas für die Gemeinschaft tun!. Oder: ”Ich muss etwas für die Gemeinschaft tun, ich bin jetzt an der Reihe“, oder: ”Tu etwas für die anderen!“ Gemeinschaft weist also - so eine erste semiotische Analyse - diese Elemente auf:

Teil-sein (konstitutiv) teil-haben (possessiv) sich identifizieren mit dem-selben teil-nehmen (aktiv-partizipativ-verbindlich)

Nun: Was ist der Status einer solchen ”Typologie“? Der Soziologe Max Weber, der ja solche Typologien liebte, hatte ihnen den Status einer begrifflichen Klärung verliehen, mit deren Hilfe er die soziale Realität katalogisierte. Sie kennen viellciht seine Gebote: ”Herrschaft soll heißen die Chance, usw ….“ Die hier vorliegenden Elemente von Gemeinschaft sind hingegen Möglichkeitsräume. Bei der Verwendung von Gemeinschaft werden sie - je nach Kontext - verschieden akzentuiert, möglicherweise kommen einzelne Teile auch gar nicht oder nur rudimentär zum Ausdruck. Auch ist zwischen ihnen eine Kombinatorik und eine Hierarchie denkbar - und sogar sehr wahrscheinlich. Man spricht also nicht immer über das Gleiche, wenn man Gemeinschaften spricht.

Somit möchte ich zum zweiten Teil meines Vortrags kommen und die Konjunktur des Begriffs erläutern- und dabei möglichen Kombinatoriken auf die Spur kommen. Gemeinschaft ist für mich hier in erster Linie ein politischer Begriff - und seine Konjunktur ist also im Bereich des politischen Denkens und Handelns zu suchen. Als eine systematische Randbemerkung möchte ich anfügen, dass es sich nun um eine erweiterte semiotische Analyse handelt, nämlich die Kon-texte des Begriffs zu eruieren. Demnach steht Gemeinschaftsbildung nicht jenseits einer staatlichen Organisation, sondern ist ein Teil eines liberal-demokratisch verfaßten Staates. Eben der Teil, der anders als gesatzen Ordnungen und Apparate funktioniert - und dennoch eine oder mehrere Funktionen aufweist. In der Sprache von Louis Althusser, dessen Konzeption der Ideologischen Staatsapparate einen erweiterten Staatsbegriff voraussetzt, haben wir es mit einem besonderen Ideologischen Staatsapparat zu tun, den man materiell eher auf einer lokalen, räumlich begrenzten Sphäre ansiedeln müsste. Dort stellt er Kohärenz her, in dem die vier genannten Gemeinschafts-Merkmale irgendwie ins Spiel kommen.

Der Begriff der Gemeinschaft steht offensichtlich im Spannungsfeld der grund-liberalen Dichotomie von Individuum versus Gesellschaft und bezeichnet ein organisches Band der Individuen im Unterschied zu den eher mechanischen Verbindungen in der Gesellschaft. Die politische Soziologie hatte diese Teilung erfunden, nicht nur Ferdinand Tönnies, auch Emile Durkheim kommt darauf zu sprechen, etc. - Doch soll dies momentan nicht mein Thema sein. Ich nähere mich dem Begriff der Gemeinschaft weniger als ein politisches Konzept, nicht so sehr als ein Aufruf, mehr miteinander zu agieren, sich zusammenzutun und das Gemeinsame zu definieren, sondern mehr als ein politisches Faktum - Gemeinschaften existieren, weil sie politisch gemacht werden - und daher sind sie ein Feld politischer Theorie. Wir hatten schon die Spuren romantischer Philosophie gesehen und ihre Resonanzen in der Soziologie des 20. Jahrhunderts. Sie waren geprägt von dem ideologischen Gegensatz zwischen Organischem und Mechanischem; der Identifikationsaspekt tritt in diesen Entwürfen deutlich in den Vordergrund. In den Konjunkturen der neueren Zeit fällt die groß inszenierte Debatte in der politischen Philosophie zwischen Liberalisten und Kommunitaristen auf, eine Debatte, die John Rawls’ Buch ”Theory of justice“ ausgelöst hatte. Hier spielt Gemeinschaft besonders auf Seiten der Kommunitaristen eine zentrale Rolle, namentlich bei Amitai Etzioni und Michael Sandel. Auch hier intendiere ich nicht, die gesamte Debatte wieder aufzurollen - das wäre mindestens ein weiterer Vortrag. Mir geht es nur um die These, dass in den Konzepten von Sandel und Etzioni Gemeinschaft nicht nur appelativen Charakter hat - in dem Sinne: Wir müssen kohärenter werden! -, sondern Gemeinschaft ist letztlich ein mögliches Steuerungsinstrument, um soziale Gerechtigkeit herzustellen. Schauen wir kurz auf diese Tabelle, die ich bei Michael Opielka gefunden habe.

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Michael Sandel, bei dessen Ansatz ich mich persönlich besser auskenne als bei Etzioni, betont in seinen Texten immer wieder, dass es unverfügbare gemeinschaftliche Bindungen gibt, und er nennt dabei ausdrücklich - wie in dem Zitat von Ranke - die Familie, in die ein Individuum hineingeboren wird, und die es also nicht wählen kann, weil hier der Rawlsche ”Schleier des Nichtwissens“ nicht angenommen werden könne. Die Renaissance des Begriffs der Gemeinschaft begründet sich dabei aus der erkannten Notwendigkeit, soziale Gerechtigkeit herzustellen, da diese sich unter kapitalistischen Bedingungen nicht von alleine ergibt. Gemeinschaft ist mithin ein Funktionsgefüge im Rahmen eines erweiterten, liberalen Staates, sie besteht aus Unverfügbarem, das in eine Form gebracht wird. Wir sehen hier die Dominanz der konstitutiven und partizipativen Anteile von Gemeinschaft

Wiederholt kommen wir auf den Liberalismus zu sprechen, wenn von Gemeinschaft geredet wird. Zu beobachten ist im weltanschaulichen Diskurs ein Pendelschlag in Richtung soziale Bindung des Liberalismus. Hier melden sich momentan nicht nur liberale Philosophen und Politiker zu Wort. Anläßlich des Jubiläums der Freiburger Thesen der FDP aus den 70er Jahren hat der SPD-Vorsitzende Kurt Beck eine Renaissance des Sozial-Liberalismus gefordert und diese Thesen praktisch zu dem theoretischen Grundtext einer künftigen, sozial-demokratisch geführten Regierung gemacht. In seinem Duktus stehe der soziale Liberalismus Freiburger Prägung gegen den dominierenden Neo-Liberalismus unserer Zeit, weil er großen Wert auf den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft lege.

”Das Freiburger Programm verabschiedet sich von einem Individualismus, der den Einzelnen ohne soziale Einbettung und in Gegnerschaft zu einem Staat sieht, gegen dessen Zugriff er sich verteidigen muss. Dem setzt es ein Menschenbild in der liberalen Tradition Friedrich Naumanns entgegen, der die Bürger als soziale Wesen betrachtete, deren Freiheit erst in der Gesellschaft mit anderen ihre Erfüllung findet. Freiheit in Gemeinschaft, Freiheit in Mitmenschlichkeit, Freiheit durch demokratische Teilhabe – so lässt sich das Menschenbild des Freiburger Programms umschreiben, ein Menschenbild, das auch heute weit über die FDP-Klientel hinaus interessant und diskussionswürdig ist.“ (Kurt Beck, DIE ZEIT, 26.10.2006 Nr. 44)

Zu diesem Zitat und zu dem Entgegen-Setzen von sozialem Liberalismus und Neo-Liberalismus möchte ich nur kurz anmerken, dass - den Liberalismus-Analysen Foucault folgend - es sich hier um eine Diskussion innerhalb des Neo-Liberalismus handelt, eines Neo-Liberalismus, der als eine politische Rationalität verstanden wird, der den Markt als etwas politisch zu Erzeugendes ansieht, dessen Logiken sich auf alle Bereiche und Sphären der Gesellschaft ausbreiten sollten.

”Gemeinschaft“ resümiert im zeitgenössischen Diskurs zu einer Frage des sozialen Zusammenhalts und der Solidarität, die jeweils herzustellen sind: Gemeinschaften sind also nicht einfach ‘da’, sie bilden sich nicht spontan und naturwüchsig, sie werden gemacht. Reflektionen über Gemeinschaft - Verbindendes - finden sich einerseits in den Sonntagsreden der PolitikerInnen. Als ein weiteres Beispiel aus einem PolitikerInnentext läßt sich ein Zitat von Angela Merkel in einem Artikel in der Zeitschrift politik und kultur im Mai 2005 anführen. Es geht hier um die Bedeutung von Kultur für das Staatsganze: ”Kultur versteht und entfaltet sich nicht von selbst. Sie bedarf der Pflege und Fortent­wicklung. Gerade weil bei uns die Kulturnation in hohem Maß Zugehörigkeit doku­mentiert und sozialen Zusammenhalt fördert, bedarf sie der besonderen Aufmerk­samkeit von Gesellschaft, Wirtschaft und Staat“ Neben dem ökonomischen Effizienzdenken brauchen wir gerade auch die nichtökonomi­schen Motivationsquellen von Solidarität, Selbstorganisation und Eigeninitiative. Pat­riotismus und aktive Bürgerschaft sind zwei Seiten einer Medaille.”

Die Schaffung von Gemeinschaften ist also auch eine politisches Projekt, es ist nicht nur der Entwurf von Individuen, die von dem Wunsch egtrieben werden, etwas gemeinsam etwas zu tun und Dinge zu teilen, die ihnen wichtig sind. Gemeinschaften zu erschaffen, die sich eben NICHT naturwüchsig bilden, ist eine politische Technologie, ist eine Regierungsweise.

Somit verschiebt sich die Fragestellung vom: “Was ist das Soziale, was ist dieGesellschaft?” hin zu “Wie wird das Soziale/die Gesellschaft durch diskursive Praktiken und Techniken hergestellt”?

Somit wende ich mich dem dritten Teil meines Vortrags zu: Der Produktion von Gemeinschaften. Ich sehe dies als einen Teil zeitgenössischer Gouvernementalite: Schaffung und Anreizung von Gemeinschaften - oder zumindest von Gemeinschaftsgefühlen, wie etwa während der Weltmeisterschaft in Deutschland oder in dem “Sommermärchen-Film”, an der sämtliche Medien, Fußballfunktionäre und Politiker aktiv teilhatten. Die starke These meines Vortrages ist, dass dies nicht Oberflächenphänomene sind, eien Art ideologischer Sahne, sondern Bestandteile einer politischen Rationalität nach dem Epochenbruch mit dem Ziel, sozialen Zusammenhalt nach Marktmechanismen zu organisieren..

Ich mache diese Gemeinschafts-Produktions-Analysen erstmalig - und ich habe dafür kein fertiges Schema, das ich nur anwenden müsste. Dies ist ein bisschen Pionierarbeit, Neuland. Hier bitte ich um kritische oder hilfreiche Kommentare.

Drei Beispiele möchte ich nun diskutieren:

1) Zuerst einmal ein archtypisches, nämlich die katholische Kirche. In der Liturgie wird täglich die Gemeinschaft der Gläubigen hervorgebracht, durch das gemeinsame Aufsagen der heiligen Texte, durch das Ausüben heiliger Handlungen des Priesters(Transsubstantiation), und durch das folgende gemeinsame Abendmahl. Das Volk Gottes entsteht jenseits sozialer und sonstiger Schichtungen, es wird eben keine immer-schon bestehende organische Zugehörigkeit vorausgesetzt; diese wird rutuell erzeugt udn muss immer wieder Bestätigung finden.

* Kulturgemeisnchaft. Es war schon in dem Merkel-Zitat angesprochen. In der Kultur - in kulturellen Artefakten - sollen wir uns wiedererkennen. “Der Innenminister etwa spricht von Schicksalsgemeinschaft, und im Kontext der Leitkulturdebatte ist von Kulturgemeinschaft die Rede. Ich bin der Ansicht, dass das zunächst einmal eine Verlegenheit widerspiegelt: Man weiß nicht genau, wie man das bezeichnen möchte, was weder Gesellschaft und völlig abstrakt ist, noch auf der Ebene der Individuen zu suchen ist. Der Begriff der Gemeinschaft kommt vor allen Dingen dann wieder ins Spiel, wenn es darum geht, Deutschland zu bezeichnen und zu repräsentieren. Deutschland ist im aktuellen Diskurs keine Gesellschaft, aber auch keine Summe von Einzelteilen. Man möchte näher zusammenrücken, kohärenter werden.” (Niels Werber, Kulturzone 06, schirn-kunsthalle)

* Das Entstehen lokaler Gemeinschaften sind das Ergebnis von Identitätspolitiken, die politisch gewollt sind, z.B. Lokale Agenda21-Projekte oder ‘Grätzl-Managment’ auf der Ebene der Stadtpolitik. Doppelverhältnis: einerseits Tool zur nachhaltigen “Gemeindesteuerung”, andererseits Methode zur Generierung von Identitäten, die sich im Verlauf der Agenda-Prozesse finden.

Identitätspolitik: sich identifizieren müssen mit dem Grätzl und mit seiner Rolle dort (Migrant, Gewerbetreibender, Künstler)

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Diskussionsvariante:

Teil-sein (partizipativ) teil-haben (possessiv) sich identifizieren mit dem-selben / sich verketten teil-nehmen (aktiv)

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Der iranische Präsident: “Die Völker der Erde setzen kein Vertrauen in internationale Organisationen, weil ihre Rechte nicht von diesen Organisationen vertreten werden. Liberalismus und Demokratie westlichen Stils waren nicht im Stande, die Ideale der Menschlichkeit umzusetzen. Die beiden Konzepte sind heute gescheitert. Diejenigen, die verstehen, hören bereits, wie Ideologie und Gedankengebäude der liberalen demokratischen Systeme in sich zusammenfallen und zerbrechen.” (Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad hat einen 18-seitigen Brief an US-Präsident George W. Bush geschrieben. Das Schreiben liegt der Nachrichtenagentur Reuters vor. Im folgenden Auszüge daraus, in einer Reuters-Übersetzung. 10.05.2006) Klassischer Liberalismus: Schädigungsthese Viele Vertreter des klassischen Liberalismus interpretieren Mills berühmte Schädigungsthese aber als Schutz vor ebendieser Tendenz utilitaristischen Denkens. Mill sagt: «Der einzige Zweck, um dessentwillen man Zwang gegen den Willen eines Mitglieds einer zivilisierten Gemeinschaft rechtmässig ausüben darf, ist der: die Schädigung anderer zu verhüten.» Was eine Schädigung ausmacht und ein Eingreifen des Staates rechtfertigt, ist freilich eine subjektive Angelegenheit. Es gibt einen grossen Bereich von vermeintlichen oder realen Verhältnissen, in denen manche eine Intervention des Staates für legitim halten, während andere einfach von simplen Fakten sprechen, die zum Leben gehören und sich von ganz allein regeln. Die Schädigungsthese wird immer weiter ausgedehnt. Heute heisst es: Wird dem Einzelnen nicht geholfen, erleidet er Schaden. Moderne politische Philosophen wollen, unter Berufung auf dieses Prinzip, den Staat dazu verpflichten, die Reichen zu zwingen, all jenen zu helfen, denen durch unterlassene Hilfe ein Schaden entstehen würde. Es mag einleuchtende Argumente dafür geben, manche Menschen zu zwingen, anderen zu helfen, aber als typisch liberal dürfte das wohl kaum durchgehen.

Niels Werber: “Die Abgrenzung von Ich und Wir ist ja nun alles andere als neu – wie steht es um die Geschichte des Begriffs Gemeinschaft? Dieser Begriff ist eigentlich ein Kind der Not. Gesellschaft war zu mechanisch-technisch, zu abstrakt – man konnte aber auch keinen Staat gründen, der nur aus Individuen besteht. Nachdem Ferdinand Tönnies den Begriff 1887 in „Gemeinschaft und Gesellschaft“ prominent in Stellung gebracht hatte, ist er im Ersten Weltkrieg verwendet worden – natürlich auch in der Weimarer Republik, und im Nationalsozialismus ist seine Laufbahn dann schließlich in der ‚völkischen Rassegemeinschaft’ auf die Spitze getrieben worden. Eigentlich ist der Begriff Gemeinschaft genügend denunziert. Umso mehr überrascht es, dass er heute wieder in Mode kommt.”

Wie zeigt sich das? Der Innenminister etwa spricht von Schicksalsgemeinschaft, und im Kontext der Leitkulturdebatte ist von Kulturgemeinschaft die Rede. Ich bin der Ansicht, dass das zunächst einmal eine Verlegenheit widerspiegelt: Man weiß nicht genau, wie man das bezeichnen möchte, was weder Gesellschaft und völlig abstrakt ist, noch auf der Ebene der Individuen zu suchen ist. Der Begriff der Gemeinschaft kommt vor allen Dingen dann wieder ins Spiel, wenn es darum geht, Deutschland zu bezeichnen und zu repräsentieren. Deutschland ist im aktuellen Diskurs keine Gesellschaft, aber auch keine Summe von Einzelteilen. Man möchte näher zusammenrücken, kohärenter werden." (Niels Werber, Kuluturzone 06, schirn-kunsthalle)

 
  gemeinschaft_-_eine_ideologische_konstruktion_duesseldorf_23.11.06.txt · Zuletzt geändert: 2006/11/23 09:59
 
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