Sebastian Reinfeldt

Das marktkonforme Subjekt

Wir müssen unverwechselbare Individuen sein, selbst-verantwortlich, fähig zum permanenten Selbst-Entwurf. Wir müssen dies sein, nicht nur für die Arbeitswelt oder in der Konkurrenzsituation um knappe Jobs, auch im privaten Leben agieren wir ähnlich wie in einem Arbeitsteam, wir organisieren unsere Freizeit, kümmern uns um unsere Fitness und sorgen uns um unsere Gesundheit. Dabei müssen wir immer auf unsere Wirkung achten. “Das Individuum wird, in dieser selbst-unternehmerischen Verantwortung stehend, selbst zu einer aktiven Ware. Es muss sich anpreisen und in der Lage sein, sich entsprechend zu präsentieren.” (Krasmann 2000, 199) Dieser soziale Zwang mit widersprüchlichen Effekten wird im Folgenden anhand aktueller Beispiele untersucht, seine Genese aufgezeigt und reflektiert. Dabei werde ich das theoretische Instrumentarium Michel Foucaults benutzen, weil es zu verstehen erlaubt, wie Subjektivierungen entstehen - und sich verändern.

Aber zuerst möchte ich die zentralen Aussagen meines Textes in Thesen fassen:

  • Sich als ein marktförmiges Subjekt entwerfen zu müssen, ist ein Macht-Effekt: Es (= das marktförmige Subjekt) ist ein Produkt, das in und mit den Kämpfen der Vielen und ihrer Ablösung aus dem Disziplinarregime des Fordismus entstanden ist.
  • Es (das marktförmige Subjekt) materialisiert sich in permanenten Übungen, Zu-Richtungen, freiwilligen Leistungen und Selbst-Evaluierungen.
  • Es (das marktförmige Subjekt) ist aber auch ein politischer Kampfplatz, dies ist der Sinn der Aussage, es (das marktförmige Subjekt) ist eine soziale Konstruktion.

Theorie und Praxis des marktkonformen Subjekts

Es ist wahrscheinlich bekannt, dass das Wort “Subjekt” in der französischen Sprache eine doppelte Bedeutung aufweist. Zum einen bezeichnet es ‘die Quelle der Inititativen’, die Autorin oder den Autor der Handlung, zum anderen kann man es als ‘Unterwerfung’ verstehen, sujet: unterliegend, unterworfen, gebunden sein; und: Untertan, Mensch, Person, Kerl oder Subjekt sein. “Das Wort Subjekt hat einen zweifachen Sinn: vermittels Kontrolle und Abhängigkeit jemandem unterworfen sein und durch Bewußtsein und Selbsterkenntnis seiner eigenen Identität verhaftet sein. Beide Bedeutungen unterstellen eine Form von Macht, die einen unterwirft, und zu jemandes Subjekt macht.” (Foucault 1987, 246f)

Hier handelt es sich aber nicht um ein Spiel mit Sprachen, sondern wir können auch in der deutschen Tradition sehen, wie mit der Rede über das ‘freie Subjekt’ sogleich einen zweite Rede einsetzt, die beispielsweise von ‘Verantwortung’ und ‘Bindung’ spricht. Diskurstheoretisch versteht man diese beiden Stränge als komplementär, so dass die eine Rede nicht auf die andere folgt und sie begrenzen würde, sondern sie sind in einem Diskurs miteinander verwoben. Ein Subjekt zu sein erlegt einem zugleich eine Freiheit und einen Zwang auf. Das Subjekt wird hier demnach weniger als eine philosophische Idee vorgestellt, sondern mehr als ein Praxis- und Erfahrungsfeld.

Tatsächlich machen wir natürlich täglich ganz verschiedene Erfahrungen an verschiedenen Orten und in verschiedenen ‘Rollen’. Diese Erfahrungen können - und werden wahrscheinlich - widersprüchlich sein, aber in der Reflektion und im konkreten Verhalten der Personen gibt es dominante Muster, vorherrschende Denk- und Sprechweisen, die die anderen Erfahrungen durchziehen und rekursiv interpretieren. Es gibt eine Hegemonie - oder Vorherrschaft - eines Musters über die anderen, die dabei jedoch nicht verschwinden, sondern von dem vorherrschenden Muster platziert werden.

Es handelt sich hier also nicht um Ideologien, im Sinne falscher Denk- und Sichtweisen von der Realität. Das marktkonforme Subjekt materialisiert sich durch Technologien, durch ‘Technologien des Selbst’ (Foucault 1993), das sind Prozeduren, die die Individuen an und mit sich selbst verrichten - mit ihren eigenen Körpern und Seelen, - mit vollem Bewußtsein, um auf diese Weise ihr Leben zu gestalten. Wir werden somit aktive Subjekte, wir müssen aktive Subjekte werden, das bedeutet aber nicht, passive Adressaten der Kommandos ‘von oben’. In diesen Prozeduren fallen nicht nur Reflektion und Handlung ineinander, zugleich sind sie Schnittstellen der Souveränität.

Der Zwang, ein unverwechselbares Subjekt werden zu müssen; sein Leben als einen fortlaufend zu schreibenden Lebenslauf zu konzipieren, um im Konkurrenzkampf um knappe Ressourcen die besseren Karten (= symbolisches Kapital) zu erwerben, korrespondiert mit der Regierungsform (’Gouvernementalität’) des ‘Regierens durch Individualisieren’: “Im Rahmen neoliberaler Gouvernementalität signalisieren Selbstbestimmung, Verantwortung und Wahlfreiheit nicht die Grenze des Regierungshandelns, sondern sie sind selbst ein Instrument und Vehikel, um das Verhältnis der Subjekte zu sich selbst und zu den anderen zu verändern (…).” (Lemke, Krasman, Bröckling 2000, 30)

Die Frage, wie es zu so epochalen Veränderungen kommt, die dazu geführt haben, dass sich Subjekte heute auf eine andere Weise wahrnehmen und verhalten können als zuvor, dass sie sich auf eine andere Weise ‘subjektivieren’, wird in der Foucault’schen Tradition in konkreten Analysen beantwortet, die die entsprechende Theoriebildung weitertreiben. Bevor ich eine solche Antwort bezüglich des marktkonformen Subjekts mit Rückgriff auf eine Genealogie der Kämpfe gegen den Fordismus versuche, möchte ich noch einige machttheoretische Überlegungen vorstellen. Denn, bei Foucault, begegnen wir einem anderen Verständnis von Macht, das sich von den soziologischen Varianten von ‘Herrschaft’ deutlich unterscheidet. Wir finden dort nämlich keine Unterscheidung zwischen dem ‘an sich’ freien Individuum einerseits und der auf dieses zugreifenden und es normierenden Gesellschaft andererseits. Macht entsteht in Kräfteverhältnissen, überall. Und das Individuum, das sich subjektiviert, ist ein Teil dessen.

Produktive Macht

Macht ist also keine Kraft, die von oben nach unten verläuft und uns unserer vitalen Energien berauben würde; moderne Macht ist produktiv, sie reizt an und erschafft soziale, ökonomische und ideologische Tatsachen. Michel Foucault denkt eine Gesellschaft, Institution oder einen sozialen Verbund als eine Kristallisation von Kämpfen. Diese Auseinandersetzungen können von verschiedener Art und Materialität sein, sie sind aber permanent, auch dann, wenn die Handelnden nicht ‘kämpfen’ wollen. Es geht dabei nicht um eine Varianten des Hobbes’schen Kampfes aller gegen alle, der den gesellschaftlichen Naturzustand charakterisieren würde, und der einen Gesellschaftsvertrag für einen Staat notwendig mache. In einem Kampf innerhalb der Gesellschaft oder des Staates wirken Energien aufeinander, Willenskräfte, Wünsche, Begehren, Leidenschaften usw., und er ist daher unausweichlich, mit offenem Ende. Die Beteiligten setzen in ihm nicht nur Taktiken und Listen ein, sie bedienen sich auch verschiedenster Mittel, um ihre Willen durchzusetzen. “Denn wenn es stimmt, dass es im Kern der Machtverhältnisse und als deren ständige Existenzbedingung das Aufbegehren und die widerspenstigen Freiheiten gibt, dann gibt es kein Machtverhältnis ohne Widerstand, ohne Ausweg oder Flucht, ohne eventuelle Umkehrung. Jegliche Machtbeziehung impliziert deshalb - zumindest virtuell - eine Kampfstrategie, ohne daß sich deswegen beide überlagern. (…) Eine Beziehung der Gegnerschaft erreicht ihr Ende, ihren Schlußmoment (und den Sieg eines der beiden Widersacher), wenn anstelle des Spiels antagonistischer Reaktionen stabile Mechanismen treten, vermittels derer der eine in ziemlich konstanter Weise und mit ausreichender Gewißheit die Führung der anderen übernehmen [anführen - i.Org.] kann. (..)”

Macht entsteht in und durch Kräfteverhältnisse, die sich in den Kämpfen herausbilden und die die Gesellschaft durchziehen. Diese Kräfteverhältnisse sind im Prinzip umkehrbar und nicht auf ewig fixiert. Der Aggregatszustand der Kräfteverhältnisse entscheidet über mögliche Kampfformen und vice versa. “Umgekehrt stellt stellt für ein Machtverhältnis die Kampfstrategie auch eine Grenze dar: jene, an der die geplante Verhaltenslenkung bei den anderen nicht mehr über die Replik auf deren eigenes Handeln hinauszugehen vermag. Da es keine Machtverhältnisse ohne Punkte des Aufbegehrens, die ihr per Definitionem entwischen, geben kann, kann [können i. Org.] jede zwecks ihrer Unterwerfung vorgenommene Intensivierung, jede Ausweitung der Machtverhältnisse nur an die Grenzen der Machtausübung führen (..).”(Foucault 1987, 259f.)

In der Produktion produziert

In der Tradition der Arbeiten Foucaults gibt es keinen per se privilegierten Ort der Produktion von Subjektivität. Überall, dort wo die Kämpfe vor sich gehen, entstehen Subjektivitäten. Die Frage, welche dieser Kämpfe zentral für die Formung des sozialen und politischen Zusammenhangs sind, kann nur konjunkturell beantwortet werden. ‘Es kommt darauf an,’ wäre eine typische Antwort, es kommt auf den Stand der Kämpfe an. Dagegen steht das marxistische Vermächtnis, das wir wie ein Gespenst aus der Vergangenheit nicht los werden können, wo durchaus ein zentraler Ort angegeben wird. Antonio Negri und Michael Hardt formulieren dies unumwunden so: “Subjectivity is produced, according to Marx, in the material practices of production”, Subjektivität werde, so Karl Marx, in den materiellen Praktiken der Produktion produziert. (Negri, Hardt 2004,151)

Es wäre nun ein Fehler, diese beiden Thesen (Subjektivität entsteht potentiell überall vs. Subjektivität wird vorrangig in der Produktion produziert) als Thesen aufzufassen, deren Wahrheitswert zu bemessen wäre, sei dies durch empirische Analysen oder durch eine deduktive Argumentationslinie. Manchmal kann man Marxist sein, und manchmal eben nicht. Es geht nicht um eine letzte Wahrheit, oder darum, am Ende doch Recht zu behalten, sondern darum, welcher Zugang weitere Handlungsmöglichkeiten eröffnet. In einer sensiblen Analyse konkreter Kräfteverhältnissen wird man sehen können, wie sich die materiellen Praktiken überlagern, und es keine Produktion ohne Körper-Politik gibt, so wie Körper-Politiken und sexuelle Normierungen die Ware Arbeitskraft hervorgebracht haben und hervorbringen, von der Karl Marx unentwegt spricht. Wenn man dies akzeptiert, und auch in seinen konkreten Analysen ernst nimmt, dann erscheint die Frage nach dem privilegierten Ort mehr als eine Frage des privaten Glaubens - oder der Lust, sich im politischen Feld zu (re-)positionieren, denn als eine analytisch interessante Angelegenheit.

Das marktkonforme Subjekt gehört jedenfalls zu einer Machtformation, die Antonio Negri uns Michael Hardt als Empire beschreiben, das kein territoriales Zentrum der Macht etabliert, “noch beruht es auf von vornherein festgelegten Grenzziehungen und Schranken. Es ist dezentriert und deterritorialiserend, ein Herrschaftsapparat, der Schritt für Schritt den globalen Raum in seiner Gesamtheit aufnimmt, ihn seinem offenen und sich weitenden Horizont einverleibt. Das Empire arrangiert und organisiert hybride Identitäten, flexible Hierarchien und eine Vielzahl von Austauschverhältnissen durch abgestimmte Netzwerke des Kommandos.” (Negri; Hardt 2000,11)

Materialität der Kämpfe gegen den Fordismus

Diese Machtformation ‘nach dem Epochenbruch’ kam auf die Welt durch - Kämpfe, die sich gegen das fordistische Regime entwickelt hatten und deren ‘Erfolge’, wenn man so will, neue Kräfteverhältnisse erschaffen haben. Auf der Ebene der Produktion sind besonders die scharfen Arbeitskämpfe der 70er Jahre zu nennen, aber auch der massive Absentismus in den Fabriken in Italien und Deutschland zur gleichen Zeit. Monotoner Zeittakt, Körperdressur, die Subjektivierung als arbeitendes und konsumierendes Wesen reizten Widerstand an, der wiederum die Verhältnisse veränderte. Die Art und Form des Widerstands traf auch die sozialdemokratische und gewerkschaftliche Arbeitsethik, und die Arbeits- und Produktivitätsstandards, für die sie jahrzehntelang gekämpft hatten. Paradigmatisch hierfür möchte ich die Frage der Atomenergie und als kollektive Erfahrung den Kampf gegen die Startbahn 18 West des Frankfurter Flughafens in Erinnerung rufen.

Die Anti-AKW und Umweltbewegung seit Ende der 70er Jahre formulierte ihre Kritik auch - und mitunter ausdrücklich - am sozialdemokratischen Produktivismus, der auf materiellem Wohlstand und Konsum abzielte, und darin die Erfüllung der Versprechungen der Arbeiterbewegung sah. In diesen Bewegungen und zahllosen Kämpfen machte sich nicht nur Ideologiekritik hörbar, sondern es wurden auch andere Lebens- und Arbeitsmuster in Nischen ausprobiert, deren Techniken jetzt in Managementseminaren, Teamtrainings- und Moderationsworkshops benutzt werden können. Einst wurden sie als Waffen eingestezt, um die sozialen Bezüge, die Arbeits- und Produktionsweisen selber in die Hand - und sie den Repräsentanten aus der Hand - zu nehmen. Jetzt finden wir diese Waffen in den Händen anderer, wobei nicht selten die Waffe zusammen mit der Person, die sie benutzt hatte, im Managementumfeld zu finden ist.

Doch nicht nur auf dieser Ebene der Produktion wurde massiv gekämpft. Auch die Symbolsysteme wurde attackiert, u.a. durch die Punk-Resistance und das auf sie folgende Umschreiben der kulturellen Codes. Die sozialdemokratischen Werte kamen in Verruf; es gab tatsächlich einmal eine Zeit, in der eine Party zu feieren und Pogo zu tanzen subversiv waren, ja sogar MTV zu sehen war einmal ein politisches Statement. Nicht selten wurden aus früheren Punks Pioniere im IT-Geschäft (und nicht nur die Hippi-Kommune, die in den 70er Jahren für einen amerikanischen Kopiergerätehersteller den ersten PC entwickelt hatte). Produktiv sein, sich verausgaben, selbstständig sein, und seine eigenen Ideen umsetzen zu wollen, die Arbeitszeit in eigener Regie zu setzen - das waren einmal Parolen gegen die Werte des Fordismus und gegen seine geregelten Lebensmuster.

Und schließlich möchte ich noch die Frauenbewegung nennen, deren Kritik an der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung, auf der das Produktionsparadigma des Fordismus beruhte, die die ‘Solidität’ der sozialen Sicherungssysteme ausmachte, den möglicherweise erfolgreichsten Schlag gegen den Fordismus führte. (Insofern - aber das ist nur eine Randbemerkung - hat Alice Schwarzer auf ganzer Linie gesiegt, in Gestalt von Angela Merkel). Das fordistische gesellschaftliche Arrangement war männlich, das heißt Frauen wurden auf die reproduktiven Tätigkeiten reduziert und auch nur dann entsprechend anerkannt. Der Kampf gegen diese Festlegungen äußerte sich an vielen Orten, in den Wohnungen, in den Fabriken, auf der politischen Bühne, in den Schlafzimmern, an den Universitäten, im Büro. Und er war siegreich - was natürlich nicht bedeutet, dass weltweit gesehen Frauen nicht weiterhin als Frauen ausgebeutet und ausgenutzt werden, und auch nicht, dass die Gleichstellung völlig gelungen wäre. Aber die fordistische Normalität wurde durchaus erfolgreich durchbrochen. Der Fordismus war männlich, die neue Epoche ist androgyn.

Exkurs: Multitude

In diesen, hier exemplarisch behandelten Kämpfen an vielen Orten wurden Subjektivitäten produziert, und auch Kanäle, diese Subjektivitäten miteinander kommunizieren zu lassen - was auch heißt, dass sie sich zueinander in Beziehung setzen können oder lassen. Nach Negri und Hardt ist eine Multitude entstanden, die Vielen, die eine konstitutive Kraft besitzen. Dabei stehen in ihrem Entwurf Empire und Multitude nicht gegeneinander, Negri und Hardt konstruieren keinen prinzipiellen Antagonismus, sondern sie behaupten, dass die Multitude das die Machtformation Empire fundierende ‘Subjekt’ ist. Damit sind sie überraschenderweise völlig ‘in tune’ mit der Tradition staatsphilosophischen Denkens:

“The most significant change in the word’s development is the usage of ‘the multitude’ to refer not to a specific crowd of people located in a defined physical space, but the crowd of people (a more dispersed or figurative body) that compose the state. The use of ‘multitude’ in reference to the physical body could help to explain the shift in meaning first, from the generic ‘many` to `many people` and then more specifically to the body politic. In Guy de Chauliac’s Grand Chirurgie (~1425), multitude acquires a technical sense (in direct opposition to the use of the term to measure abstract quanitities); Chauliac names in his surgery manual ‘multitude of veines,’ ‘multitude of teres’ and ‘multitude of spirites.’” “As perceptions of ‘the people’ shift following the revolutions of the late 18th and 19th centuries, the term ‘the multitude’ assumes, at times, a more positive sense. For example, Ruskin states in Question of Air (1869),’The strength of the nation is in its multitude, not in its territory’ and purports a more egalitarian theory of art in Modern Painters, ‘The multitude is the only proper judge of those arts whose end is to move the multitude.’ It is perhaps the elasticity of this word which has kept its meanings relatively stable, but also which dictates its less frequent usage in comparison to ‘crowd,’ ‘masses’ or ‘mob’.” (Schuyler, Multitude)

Die Autorin Susan Schuyler betont in ihrer Genealogie des Begriffs, dass Multitude klassischerweise eine Menge von Leuten bezeichne, die einen Staat ausmachen. Die Bedeutung, Viele zu sein (viel an der Zahl und verschieden nach ihrer Art) verschob sich mit der Zeit, bis Multitude sich auf den politischen ‘Körper’ des Staates bezog. Im Lichte einer Analyse, die sich dem bisherigen Instrumentarium Foucaults verpflichtet, erscheint die Multitude deshalb wieder auf der staatstheoretischen Bühne als konstitutive Kraft, weil sie in den genannten Kämpfen als geschichtsmächtige Kraft sich behauptet hat.

Das marktkonforme Subjekt wird vorgestellt

Nun möchte ich drei Fundstücke vorstellen, drei Beispiele für die Subjektivierung als marktkonformes Subjekt. Die Fundstücke wurden im Rahmen einer Internet-Recherche ermittelt, bei der bestimmte Suchbegriffe in die Suchmaschine Google eingegeben wurden.

Das erste Fundstück (Suchstichwort: Ergonomie) ist aus einem Folder einer Krankenkasse, in dem Übungen vorgestellt werden, die man an seinem Büroarbeitsplatz ausführen soll, um sich vor Ort kurz auszuspannen. Ähnlich wie in einem Handbuch für militärischen Drill werden hier Menschen präsentiert, die einzelne Körperteile nach einer bestimmten Vorgabe bewegen, das ganze Arrangement ist eine Anleitung, die jeder bzw. jede für sich selber jederzeit nachvollziehen können soll, es ist eine Anleitung für permanente Übungen.

Es geht hier - bis zur Karikatur hinein - um die Selbstverantwortlichkeit jedes Subjektes für seine/ihre Gesundheit, die ganz augenscheinlich dadurch begründet wird, dass man für die weitere Arbeit am Schreibtisch fit sein solle. (http://www.dak.de/content/dakgesundleben)

Das zweite Fundstück entstammt einem Ratgeber für Bewerbungen des Berufszentrums in NRW und behandelt das Problem, wie das einer Bewerbung beizulegende Bewerbungsfoto richtig auszusehen habe:

  • “Seriöse Bekleidung anziehen: Kostüm oder Sakko mit Krawatte. Schauen Sie nett, freundlich, gepflegt mit einem leichten Lächeln in die Kamera.
  • Das Farbfoto sollte nicht zu traurig oder trist, aber auch nicht zu bunt wirken. Hintergrund und Farben ihrer Kleidung müssen einen guten Kontrast ergeben.
  • Achten Sie auf Lichtspiegelungen in der Brille und auf fettiger Haut.

Lassen Sie mehrere Fotos von sich machen. Unterschiedlicher Hintergrund, Lichtvarianten, von links und von rechts, ernstes und fröhliches Gesicht, Farbe usw… . Nachher suchen Sie sich das Beste davon aus. Ein Bewerbungsfoto unterscheidet sich von Passbildern gravierend. Auf einem Bewerbungsfoto müssen sich sich präsentieren und verkaufen. Auf dem Passfoto muß z.B. das Ohr frei sein zur Identifikation. Und das gehört nicht in eine Bewerbung hinein.” (http://www.bewerben.de/informationen/lichtbild.htm, Suchstichwort: Ratgeber Bewerbungen)

Wir müssen uns für unsere berufliche Selbstpräsentation zurichten (lassen). Nett sein, freundlich und gepflegt, nicht zu traurig, nicht zu trist wirken: ein imaginärer Normalitätsstandard ist zu erreichen. 50 Prozent der Bewerbungen, so habe angeblich eine Kölner Studie ergeben, scheiterten an einem schlechten Bewerbungsfoto, heißt es dort. Ist das nicht Argument genug, um sich entsprechend der Vorschläge des Ratgebers vorzustellen?

Die Textsorte des Ratgebers und seine Rolle für die Herausbildung des marktkonformen Subjekts wäre hier eine eigene Untersuchung wert, doch wird schon am Tonfall deutlich, dass es sich hier um stark präskriptive Aussagen handelt. Man wird beraten, und empfängt dabei ganz unverholene Befehle. Die meisten Sätze sind grammatikalisch als Imperative formuliert und äußerst apodiktisch, etwa diese Formulierung “Und das gehört nicht in eine Bewerbung hinein!”

Im dritten Beispiel für das marktkonforme Subjekt werden Empfehlungen ausgesprochen, wie Referendare ihre Arbeit an einem zur Ausbildung obligatorischen Fachseminar evaluieren können. Es ist ein Beispiel für den Topos der “Evaluierung”, ein Zeichen dieser Zeit, ein Instrument, eine Technologie zur permanenten Re- und Adjustierung ökonomischer, sozialer und politischer Aktivitäten unter dem Signum ihrer ökonomischen oder psychischen Effizienz. Evaluierungen werden zumeist von Außen durchgeführt und sollen Kontrolle und Transparenz ermöglichen. In der Regel sind Evaluierungen nicht offen, sondern eine mächtige Waffe in der Hand der Geschäftsleitungen oder Managementetagen einer Firma. Nach einer Evaluierung wird jeder Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin erfahren, ob ihre Tätigkeit noch erforderlich ist bzw. inwiefern ihre Tätigkeit wert geschätzt wird.

Die Eigenheit dieses Textstücks ist es nun, dass solche Techniken von den Subjekten selbst angewendet werden können, in Form einer Geständnisgebetsmühle:

Auszug aus einem Fragebogen zur Selbst-Evaluation von Referendaren/Referendarinnen an einem Fachseminar in NRW:

“2. Wie ging ich mit meinen eigenen Defiziten und Vorzügen im Fach um?

a) Habe ich sie wahrgenommen und an ihnen gearbeitet? b) Habe ich sie ignoriert und überspielt? c) Habe ich sie dramatisiert und hochgespielt? d) Habe ich sie einordnen können in den Ausbildungsstand (”Was ich schon kann - was ich noch entwickeln muss“)? e) Habe ich sie als aktuelle Anlässe oder Angebote in die offene Anfangsphase der Fachseminarsitzungen eingebracht?

4. Wie bin ich mit den Materialien und Aufgaben, die ich im Fachseminar erhalten habe, umgegangen?

a) Habe ich sie genau gelesen und das für mich kurz- oder/und langfristig Wichtige verarbeitet? b) Habe ich mir wichtige Ergebnisse notiert? c) Habe ich sie zu Hause aufgearbeitet? d) War ich selbständig in der selektiven und überarbeitenden Verwertung? 5. Welche Rolle spielte ich für die Arbeit im Fachseminar?

a) Hätte von mir ein sozialer Impuls ausgehen können oder müssen, damit sich die Seminarmitglieder näher kennen lernen? Hätte ich persönlich daran Interesse gehabt? a) Konnte ich an Gesprächs- und Ergebnisentwicklungen teilhaben und nahm ich teil? b) Konnte ich fachliche Initiativen entfalten und habe es getan? c) Wie ging ich mit innovativen Ansätzen um? d) Habe ich Einfluss auf die Planung und methodische Gestaltung des Fachseminars genommen?”

(http://www.fachdidaktik-einecke.de/1_unterrichtsplanung/selbstevaluation_fachseminararbeit.htm, Stichwort: Selbst-Evaluierung)

Dieses Beipsiel ist deshalb besonders eindrücklich, weil es eine Selbst-Technologien darstellt und zeigt, dass die genannten Managmentpraktiken sich universalisiert haben. Sie durchbrechen ihren initialen Ort und rädern durch verschiedene gesellschaftliche Bereiche.

Eine soziale Konstruktion

Den Beispielen sollen nun einige theoretische Überlegungen angeschlossen werden. Denn ich vertrete die These, dass das marktkonforme Subjekt eine allgemeine Subjektivierung ist, eine Anrufung (interpellation). Die Beispiele machen etwas sichtbar, das in verschiedenen Alltagsformen und an verschiedenen Orten ‘gelebt’ wird, dem aber eine determinierende Disposition innewohnt. Friedrich Nietzsche würde dies vielleicht als die ‘gelebte Moral’ einer Gesellschaft bezeichnen.

Wir können es als Ideologie begreifen, wobei diese aus den Kämpfen entsteht, weshalb die Handelnden in ihr eingeschrieben sind. Ideologie in diesem Sinne kommt auf die Subjekte nicht von Außen zu, sondern trifft sie ‘auf einen Schlag’. Michel Foucault formuliert dies auf seine Art so: "Schließlich kreisen all diese gegenwärtigen Kämpfe um dieselbe Frage: Wer sind wir? Sie weisen die Abstraktionen ab, die ökonomische und ideologische Staatsgewalt, die nicht wissen will, wer wir als Individuen sind, die wissenschaftliche und administrative Inquisition, die bestimmt, wer man sei. (…) das Hauptziel dieser Kämpfe ist nicht so sehr der Angriff auf diese oder jene Machtinstitution, Gruppe, Klasse oder Elite, sondern vielmehr auf eine Technik, eine Form der Macht. Diese Form von Macht wird im unmittelbaren Alltagsleben spürbar, welches das Individuum in Kategorien einteilt, ihm seine Individualität aufprägt, es an seine Identität fesselt, ihm ein Gesetz der Wahrheit auferlegt, das es anerkennen muß und das andere in ihm anerkennen müssen. Es ist eine Machtform, die aus Individuen Subjekte macht. (Foucault 1987, a.a.O.)

Demnach ist das marktförmige Subjekt als eine eine Kristallisierung (Verhärtung) zu verstehen, die sich in den Kämpfen herausgebildet hat. Es ist ein Kreuzungspunkt vielfältiger Machtverhältnisse und wirkt als sozialer Zwang. Die aktuellen Kämpfe ‘nach dem Epochenbruch’ müssen diese Subjektivierung also als eine ideologische Tatsache ernst nehmen, es wäre falsch, dieses lediglich als eine Illusion (im Sinne falscher Gedanken) zu bekämpfen. Das marktförmige Subjekt ist materiell im soziologischen Sinne (Habitus, Gestus, Mentalität) und im philosophischen Sinne, weil es es sich in die körperliche und ethische Konstitution des Subjektes einschreibt: Es entstehen Millionen fitte Körper, Tausende lächelnder Passfotos, und selbstkritische Feedback-Automaten, wobei zur Hervorbringung all dessen die Kenntnis der hier behandelten Texte nicht vorausgesetzt werden muss. Der Begriff der Kristalllisierung bedeutet hier, dass die soziale Verhärtung als ‘marktkonformes Subjekt’ aufgeweicht werden muss, um andere Subjektivierungen zu ermöglichen.

Literatur

Foucault, Michel 1987: Das Subjekt und die Macht, in: Dreyfus, Rabinow, Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik, Frankfurt/M., S. 243-261

Foucault, Michel 1993: Technologien des Selbst, in: Luther u.a., Technologien des Selbst. Frankfurt/Main, S.24 ff.

Krasmann, Susanne 2000: Gouvernementalität der Oberfläche. Aggressivität (ab-)trainieren beispielsweise, in: Bröckling u.a. (Hg.), Gouvernementalität der Gegenwart, Frankfurt/M., S. 194-226

Lemke, Thomas; Krasman, Susanne; Bröckling Ulrich 2000, Gouvernementalität, Neoliberalismus und Selbsttechnologien, in: dieselben (Hg.), Gouvernementalität der Gegenwart, Frankfurt/M., S.7-40

Negri, Antonio; Hardt, Michael 2000, Empire, Frankfurt/M.

Negri, Antonio; Hardt, Michael 2003, Multitude, New York

Schuyler, Susan, Multitude. Entry by Susan Schuyler, http://www.stanford.edu/group/shl/Crowds/hist/multitude.htm

 
  das_marktkonforme_subjekt.txt · Zuletzt geändert: 2006/01/11 20:40
 
Recent changes RSS feed Creative Commons License Donate Powered by PHP Valid XHTML 1.0 Valid CSS Driven by DokuWiki